Ich liebe Trello. Es war nach seiner Einführung 2011 bis vor ein paar Jahren meine liebste (teil)-kommerzielle Notizen-App. Moment - Notizen-App? werden die Trello-Entwickler sagen. Unser Produkt kann doch so viel mehr... In den Demos wird immer gerne gezeigt, wie man Trello für Projektmanagement benutzt. Tickets zuweisen, mit mehreren Personen kollaborieren...

Back to the roots

Trello Grid

Das Besondere an Trello war für mich aber immer seine Einfachkeit. Es ist im Prinzip ein Kanban-Board mit beliebig vielen Spalten und ohne irgendwelche besonderen Funktionen in den Spalten.
Sortiere deine Notizen einfach in einem Grid. Lauter Spalten, und darin soviele untereinander, wie du willst. Plus eine schnelle und effiziente Suchfunktion.

Was ich ansonsten noch benutzt habe ist die automatische Vorschau für Links, das intuitive Hochladen von Dateien und die Hintergrundbilder von Unsplash. Die Hintergrundbilder ermöglichen es nämlich, wenn man viele Boards hat, jedem ein passendes und einzigartiges Bildsymbol zu geben, so dass man in der dritten Grid-Ebene - die Übersicht über alle Boards - auch visuell das gewünschte Board schnell findet.

Das Versprechen gehalten

Bei seiner Einführung gelobten die Trello-Macher, dass es für immer umsonst bleiben würde, bzw. es immer eine Kostenlos-Version geben würde. Im Falle einer Notizen-App eine wichtige Zusicherung. Schließlich sammelt man dort je nachdem ganz schöne Mengen von Content an. Und dann aufzuwachen und festzustellen dass es nur noch ein teures Abo-Modell gibt oder der Content futsch ist, wäre kein netter Move.

Spulen wir dreizehn Jahre vor, und Trello wurde mittlerweile von Atlassian aufgekauft. Atlassian ist der Gigant im Bereich Projekt-Management, ich habe den Eindruck, sie kaufen die versammelte Konkurrenz auf, wenn es eine gibt. Man könnte jetzt Schlimmes vermuten bzgl. Abomodell. Aber nein: es gibt nach wie vor eine kostenlose Version, und mit etwas Abstrichen und Tricks kann man auch kostenlos weiterhin unbegrenzt viele Boards haben. Tolle neue Funktionen sind hinzugekommen, einige davon wurden oben schon beschrieben.

Und doch...

Nichtsdestotrotz: Ich benutze meine Notizen-App massiv. Ein echter Verfechter des papierlosen Büros, findet sich auf meinem Schreibtisch und in meinem gesamten Büro so gut wie kein Papier. Digital erfasste Notizen haben fast nur Vorteile: Durchsuchbarkeit, auch auf dem Smartphone verfügbar, ich könnte noch viele weitere nennen. Wenn ich es unbedingt auf Papier haben wollte, könnte ich es immer noch ausdrucken. Und da auf einen kommerziellen Anbieter zu vertrauen, dessen Zukunft in der Internet-Welt niemals gewiß sein kann, ist so eine Sache. Was perfekt wäre: ein Backup-Format, das man überall importieren kann oder das so einfach ist, dass man es mit jedem Texteditor bearbeiten kann. Und noch besser wäre, wenn das Speichern der Notizen schon automatisch das Backup wäre. Klingt zu schön, um wahr zu sein...

Ein Hurra für Markdown

Markdown Logo

Es gibt seit einiger Zeit Notizen-Apps, die die Dateien lokal speichern und als Format Markdown verwenden. Über Markdown groß und breit zu schreiben sprengt den Rahmen der News. Aber soviel: es ist ein sehr einfaches Textformat, das sehr erfolgreich angetreten ist, um als Auszeichnungssprache intuitiver als HTML zu sein. Ich würde mal sagen, es hat sich zum Standard entwickelt, und auch Trello benutzt es für Textformatierung.

Hurra!

Meine Notizen gehören mir

Ein ganz wesentlicher Aspekt von Obsidian ist das Vermeiden von Lock-In. Die Notizen werden auf der Festplatte einfach als .md (Markdown)-Dateien in Ordnern gespeichert, die der Baumstruktur entsprechen. Man kann sie in jedem anderen Programm öffnen, das Markdown-Dateien lesen kann. Mittels Obsidian Sync (bequem, aber kostenpflichtig) oder über Dropbox (mittels Dropsync auch auf Android) kann man die Notizen über mehrere Geräte synchronisieren. Keine Abhängigkeit von einem Online-Service, der aufgekauft werden kann oder vielleicht doch irgendwann zu macht.

Joplin ist ein guter Anfang

Zuerst hatte ich Joplin probiert. Auch ein großartiges Projekt und Notizen-Tool. Es folgt dem Open-Source-Gedanken sehr treu, wird aber leider von einem sehr kleinen Entwickler-Team betrieben. Out of the box ist die Optik eher spartanisch. Es hat allerdings prinzipiell den gleichen Ansatz wie Obsidian: Alle Notizen werden in einer einfachen, beliebig verzweigbaren Baumstruktur gespeichert. Es gehen bestimmt auch andere Strukturen, aber ich habe nichts gegen den Baum.

Wenn man ein bisschen mit Joplin experimentiert hat und dann Obsidian installiert, fällt einem sofort das sehr viel poliertere Interface auf. Als Entwickler weiß ich: da steckt ne Firma hinter. Mittels Obsidian Sync gibt es auch ein Monetarisierungsmodell: die Sorglos-Cloud kostet Geld, und ehrlich gesagt ist das auch gut so. Denn dadurch kann die Entwicklung dieser fantastischen Software finanziert werden.

Die Obsidian Oberfläche

Obsidian Oberfläche

Wer mit Visual Studio Code arbeitet, dem wird die Oberfläche vertraut vorkommen. Ganz links gibt es "Buttons" für Plugins, Einstellungen usw. In der nächsten Spalte sind die Ordner, bzw. die Baumstruktur. Rechts findet sich das Hauptfenster mit dem Text bzw. Bilder order Infografiken, was immer man  reinschreibt. Wenn man mehrere Notizen gleichzeitig offen hat, werden diese durch Tabs dargestellt.

Ein Hauptgrund, weshalb mir Trello auf die Dauer nicht mehr gefiel, ist dass das eigentliche Textfenster ein Popup ist und relativ schmal. Trello ist eigentlich auch nicht für längere Texte und Formatierungen gebautd. Ich glaube, die Autoren hatten eher ein Ticketsystem als Vorbild.

Wenn ich Notizen schreibe, möchte ich aber einen großen Textbereich habe, der gut lesbar ist und den Hauptfokus hat. Das kann ich hier tun, wie beschrieben mit Markdown formatiert.

Bilder kann man per Drag+Drop reinwerfen oder auch manuell laden. Es geht ansonsten jede vorstellbare Fanciness wie Flussdiagramme, Balken- und Tortendiagramme, was man will. Das wird oft über Plugins umgesetzt. Obsidian hat ein offenes Plugin-System. Die Hersteller haben natürlich nichts dagegen, wenn die Community alle möglichen Erweiterungen veröffentlicht, die ihr Produkt noch attraktiver machen.

Mein Freund der Baum

Viele finden eine einfache Baumstruktur als Organisationsprinzip veraltet. Während ich für Websites zustimme, dass ein verschachteltes Menü im Wesentlichen nicht zeitgemäß und effektiv ist, sehe ich das in meiner Notizen-App anders.
Ich habe ein Oberthema - z.B. Fahrrad, und dann mache ich da Unterthemen rein. Es gibt relativ wenige Überschneidungen vom Thema Fahrrad mit dem Thema Wohnungseinrichtung. Ich möchte die Sachen in einen Karteikasten werfen und genau da wiederfinden. Im Thema Fahrrad habe ich dann wiederum Unterordner für Teile, Kleidung und Geschäfte. Wenn ich die Seiten zusätzlich taggen will, um sie zusätzlich noch anders zu durchsuchen und zu strukturieren, hält mich keiner davon ab.

Icons sind schön bunt

Wie man im Screenshot sieht, habe ich die Oberthemen zur besseren Unterscheidung mit Icons versehen. Dafür gibt es verschiedene Plugins, die Open-Source-Iconbibliotheken einbinden. Da im Wesentlichen SVG verwendet wird, gibt es die Möglichkeit, einfarbige Icons einzufärben, was ich oft und gerne nutze. Man kann es sicherlich auch übertreiben mit Icons, aber mir hilfte es bei der Orientierung. Wenn der Baum zu lang wird, mache in ein neues Board auf, was bei Obsidian "Vault" heißt.

Es gibt in Obsidian den fancy "Graph View". Das ist ein bisschen wie ein Sternenhimmel mit den ganzen Themen. Ich gehe hier gar nicht näher darauf ein, weil ich es selber nicht benutze. Er wird immer als Alleinstellungsmerkmal erwähnt, wenn die Leute Obsidian benutzen. Ich bin mir sicher, für weniger linear orientierte Menschen ist es sehr hilfreich, probiert es aus.

Es gibt selbstverständlich auch eine schnelle Suchfunktion, Möglichkeiten nach Tags zu suchen und drölfzig andere Funktionen.

Alles drin

Seit ich Obsidian benutze, habe ich komplett darauf umgestellt. Obwohl ich ein Notizen-Maniac bin und einfach alles aufschreibe, ist es ganz witzig, dass ich einmal aufgeschriebenes gar nicht so oft lese. Es ist mehr der Prozess des Aufschreibens und Strukturierens, durch den ich mir das meiste auswendig merke. Das Wissen, dass ich es im Zweifel wiederfinde und ich auch weiß, wo, ist genug für mich. Entsprechend war ich kaum überrascht, dass ich seitdem in meine wirklich umfangreichen Trello-Notizen kaum jemals noch reinschaue.

Ich kenne Leute, die schreiben lieber in ein Papier-Notizbuch oder gar nichts auf, oder halt auf lauter Zettel auf dem Schreibtisch. Für jemand, der ein No-Nonsense Notizen-Tool sucht, das sich im Zweifel beliebig aufbohren lässt, ist Obsidian auf jeden Fall einen Blick wert.